- Ein Kind zeigt nach oben, die Mutter blickt staunend hinterher: In der Chemnitzer Ausstellung „KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens“ werden Anatomie, Bewegung und Vergänglichkeit auf eindrucksvolle Weise sichtbar.
Körperwelten in Chemnitz: SIE werden grübeln
Ein Kind zeigt nach oben. Die Mutter schaut mit großen Augen hinterher. Vor ihnen schwebt, scheinbar schwerelos, ein menschlicher Körper in einer Pose, die fast an Tanz erinnert. Muskeln, Sehnen, Bewegung, Anmut – und gleichzeitig die stille Wucht der Erkenntnis: Das alles steckt auch in uns. Genau in solchen Momenten entfaltet die Ausstellung „KÖRPERWELTEN & Der Zyklus des Lebens“ in Chemnitz ihre ganze Kraft. Sie will nicht schockieren. Sie will etwas viel Schwierigeres: Sie will, dass man innehält.
Und ja, man kommt ins Grübeln. Über den eigenen Körper. Über Gesundheit. Über das, was im Alltag so oft untergeht.
Chemnitz schaut genau hin
Dass die Ausstellung in Chemnitz einen Nerv trifft, zeigen die Zahlen ziemlich deutlich. „Die Chemnitzer sind offenbar sehr begeistert von der Ausstellung, denn wir haben jetzt schon nach zwei Monaten fast 70.000 Besucher gehabt. Und das ist sehr viel“, sagt Kuratorin Dr. Angelina Whalley. Die Freude darüber ist ihr anzumerken. „Wir sind sehr, sehr glücklich.“
Dabei kommen längst nicht nur Besucher aus Chemnitz. Auch aus dem Umland reisen viele an, außerdem aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und sogar aus Niedersachsen. Die Schau zieht also weit größere Kreise, als man zunächst vermuten könnte.
Kein erhobener Zeigefinger
Vielleicht liegt genau darin ihr Reiz. Die Ausstellung schreibt niemandem etwas vor. Sie erklärt. Sie zeigt. Sie lässt Raum für eigene Gedanken. „Vor allen Dingen schätzen es die Chemnitzer, dass da nicht mit erhobenem Zeigefinger gesagt wird, das ist schlecht und das und das ist besser oder gut, sondern dass man wertneutral gute Informationen bekommt, die leicht verständlich sind und die einem wirklich in ihrem eigenen Leben weiterhelfen“, sagt Whalley.
Das ist klug gemacht. Denn wer vor diesen Präparaten steht, braucht keine Belehrung mehr. Der menschliche Körper spricht hier für sich. Mal wirkt er wie ein fein gebautes Uhrwerk. Mal wie ein Wunder aus Adern, Fasern und Organen. Und manchmal auch wie eine leise Mahnung, besser auf sich aufzupassen.
Was Besucher mitnehmen
Viele Rückmeldungen seien sehr persönlich, sagt Whalley. Besucher seien nicht nur von der künstlerischen Wirkung beeindruckt, sondern auch davon, „dass sie so viel über sich selber gelernt haben“. Genau darum gehe es ja: den Blick für die eigene Gesundheit zu schärfen.
Welches Exponat dabei besonders hängen bleibt, lässt sich kaum pauschal sagen. Jeder kommt mit eigenen Erfahrungen. Wer selbst mit einer Krankheit lebt, schaut anders hin. Wer einfach staunen will, entdeckt womöglich die verblüffende Schönheit eines Körpers, den man sonst nur von außen kennt.
Für Whalley selbst sind es vor allem die Blutgefäße. „Sie sind für mich der beste Repräsentant des Lebens, weil sie so wunderschön aussehen, aber auch gleichzeitig signalisieren, dass das Leben sehr fragil ist.“ Schöner kann man diesen Widerspruch kaum beschreiben.
Noch bis Ende Juni in Chemnitz
Die Ausstellung läuft noch bis Ende Juni. Geöffnet ist täglich, montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Letzter Einlass ist jeweils um 17 Uhr.
Allzu lange warten sollte man aber besser nicht. „Je länger die Ausstellung läuft, umso größer sind die Besucherzahlen. Dann wird es natürlich auch manchmal ein bisschen eng in der Ausstellung. Also am besten ist es so schnell wie möglich“, sagt Whalley.
Und dann steht man vielleicht selbst dort. So wie die Mutter mit dem Kind am Anfang. Der Blick geht nach oben. Der Gedanke nach innen. Und plötzlich ist dieser Körper in der Vitrine nicht mehr nur ein Exponat, sondern auch ein Spiegel.
